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Yvetot

"Tour du Pays de Caux" in Yvetot: Ein läuferisches Stimmungsbild

Rund um die französische Kleinstadt Yvetot in der Normandie findet jährlich
um Himmelfahrt ein Lauf der besonderen Art statt: 4 Tage - 6 Etappen - 93
Kilometer, das ist das Wesentliche zu dieser Veranstaltung, auf Strecken
zwisschen 7 km und 21,1 km. Gewertet wird im Einzelwettbewerb (jeder läuft
alles) und im Mannschaftswettbewerb (6 Läufer/innen teilen sich die Etappen).
In der Mannschaft darf keiner mehrfach laufen; ein Einzelstarter darf nicht
gleichzeitig eine Mannschaftsetappe übernehmen. Der erste Start ist am
Mittwoch vor Himmelfahrt, der letzte Start am Sonnabend. Die Orte variieren
von Jahr zu Jahr ein wenig, aber der Zeitrahmen ist grundsätzlich jährlich
der gleiche. Überwältigend: die perfekte Organisation, die französische
Gastfreundschaft und das Ambiente drumherum.

Erlaubt mir: dass ich Euch ein wenig von meiner letzten Teilnahme im Jahre
1998 vorschwärme:

Zugegeben: die Anreise mit dem Auto war nicht so einfach; schließlich liegt
Yvetot 800 km südwestlich von Hiddestorf. Ankunft unserer kleinen
Mannschaftsvorhut am Dienstag, 19 Mai, um 16:30 im Rathaus von Yvetot, wo die
Begrüßung der ausländischen Teams schon in vollem Gange war. Gute Stimmung in
der Runde; der Bürgermeister heißt uns wortreich willkommen und
"Renndirektor" Daniel Hébert spendiert ein Gläschen Sekt und O-Saft.
Russische und arabische Wortfetzen sind zu hören; ein fernöstlicher Athlet
schwenkt die japanische Flagge. Nach dem offiziellen Teil die Aufteilung auf
die Gastfamilien. Meine Frau Sabine und ich landen wieder bei Francois und
Sylvie; wir kennen uns schon vom letzten Jahr. Francois ist Mitorganisator,
läuft aber auch aktiv. Begrüßung nach normannischer Tradition: Umarmung und
vier Küßchen auf die Wange. Essenszeit um 20:00, beim letzten Gang ist es
23:30. Ab ins Bett!

20. Mai: es wird ernst. Der Vor- und Nachmittag bleibt für Besichtigungen in
der Umgebung; um 17:30 geht es nach Doudeville, dem Ort der 1. Etappe. Der
Rest der Truppe ist auch schon da; die Mannschaft HIDDERSTORF ist komplett.
An der Startnummernausgabe im "Hôtel de Ville" geht es hoch her; schließlich
wollen 320 Läufer versorgt werden. Doudeville: das bedeutet vier Runden durch
Stadt und Umland zu je vier Kilometern. Start um 19 Uhr auf dem Marktplatz.
Ich powere los; man ist ja noch topfit und die Beine fliegen wie von selbst.
Aber immerhin: 40 Meter Höhenunterschied, und das viermal. Geht doch etwas an
die Substanz....

Gut durchgekommen, und zufrieden mit mir: Platz 101. Ich probiere einmal die
französische Zielverpflegung - Rosinen und Würfelzucker - und beschliesse,
nächstes Mal wohl doch lieber wieder zur Banane zu greifen. Zurück nach
Yvetot: Duschen - Essen (22:00 bis Mitternacht) - Schlafen.


Himmelfahrt, 21. Mai. Frühes Aufstehen ist angesagt: um 9 Uhr ist Start im 19
km entfernten St. Valery en Caux. Ein idyllischer Kur- und Hafenort an der
Kanalküste, von Bergen umgeben. Berge?!? Ein Halbmarathon steht doch auf dem
Plan, zweimal 10,5 km. Das Streckenprofil in der Ausschreibungsbroschüre lässt
einiges befürchten: vom 5 Meter über Normalnull bis 70 Meter ins Hochplateau.
Egal jetzt; der Schuss fällt: packen wir's an! Zunächst ist es um den Hafen
herum schön zu laufen, doch dann geht es bergauf. Es ist eine Art
"Pendelstrecke"; auf der anderen Strassenseite sehen wir schon, wo wir wieder
zurückkommen. Auf dem höchsten Punkt in Manneville etwas Erleichterung, aber
man hat's ja noch einmal vor sich. Der Bergab-Abschnitt ist gut zu laufen; in
St. Valerie bei Halbzeit geniesse ich das Bad in der Menge. Noch mal das
gleiche: diesmal kommen mir die Spitzenläufer bergab entgegen. Zieleinlauf
unter dem Jubel des Volkes. Leider ist Lutz ausgefallen (Hals und Nase sind
dicht). HIDDERSTORF ist nur noch zu dritt.

Essenszeit. In der festlich geschmückten Stadthalle gibt es ein
Drei-Gänge-Menü und Rotwein und Baguette satt. Frankreich pur, Lebensfreude!
Tolle Stimmung unter den Aktiven. Schade, dass man nicht so richtig kann, wie
man will: um 18 Uhr wartet die dritte Etappe in Flamanville.

Ein kleines Dorf, Bauernhöfe, Wiesen, Kühe, und mittendrin über 300
Läuferinnen und Läufer. Eine Strecke, die mir liegt: 5-km-Rundkurs, eben,
dreimal zu durchlaufen. Ich mache den Lauf meines Lebens und rücke in der
Ergebnisliste mächtig auf. Anschliessend Cidre (Apfelwein) und Brioches (süsses
Weizengebäck); das weckt die Lebensgeister wieder. Um 21 Uhr sind wir wieder
zu Hause; Sylvie hat noch etwas Leckeres für uns gekocht: Geflügel, Gemüse,
Käse, Torte; Essen und Klönen bis Mitternacht.

9:15 Abfahrt nach Le Trait am Seine-Ufer. Eine Runde - 7 km - aber "contre la
montre": gegen die Uhr. Start jeweils 30 Sekunden versetzt in umgekehrter
Reihenfolge der Zwischenergebnisliste. Ich bin in der zweiten Hälfte dran und
mache noch ein paar Dehnübungen, meine Beine sind schwer. Dann der Start: ich
hetze hinter meinem Vorläufer her, aber der Abstand wird grösser. Bei km 5
werde ich vom Nachfolgenden durchgereicht. Im Ziel bin ich platt. Na ja, die
"Kurzstrecken" liegen mir eben nicht. In der Ergebnisliste purzele ich etwas
nach unten.

Nach dem Essen im Salle de Ville (Ablauf und Angebot wie Vortag) lasse ich
ich etwas massieren. Vielleicht hilft es, um den Lauf um 19:30 in Caudebec
einigermassen durchzustehen. 12 km, zwei Runden, ebene Strecke an der Seine
entlang: wird schon nicht so schlimm werden. Start vor der großen Kathedrale
am Denkmal von Victor Hugo (in jedem Ort steht irgendwo ein Hugo-Denkmal).
Eigentlich eine sehr schöne Strecke, aber ich bin zu kaputt, um es richtig
geniessen zu können. Zielzeit: naja. Kurz geduscht und ab nach Yvetot. Die
süsse Margot ist mit ihren drei Jahren auch noch wach, und Sylvie hat eine
Kleinigkeit zum Essen vorbereitet....

Endspurt, letzte Etappe. Yvetot hat Heimrecht. Die Königsdistanz: ein
Halbmarathon, aber was für einer! 9 km bergab, dann stetig bergauf. 130 m
Höhendifferenz. 15:00 Uhr, auf zum letzten Gefecht! Erst läufts noch locker;
ich klöne ein wenig mit Marie-Line, der Spitzenläuferin des ausrichtenden
Vereins Club Athlétique Cauchois. Durch herrlich blühende Apfelhaine
schlängelt sich der Kurs allmählich bergauf. Doch dann kommt sie: die "Mur de
St. Clair". Hier trainieren die normannischen Radprofis ihre Berghärte. Nach
2 km ist auch das überstanden. Jetzt geht es dem Ziel entgegen; die
Kirchtürme von Yvetot sind schon zu erkennen. Locker auslaufen. Andreas
überholt mich noch, ist doch egal jetzt, nur nicht mehr anstrengen. Am Salle
de Vikings ist das Rennen zu Ende. Ich werfe mich ins Gras und öffne ein
Pils. Was für ein Pils! Das schönste Pils meines Lebens.

Überstanden? Noch nicht ganz! Die "siebte Etappe": Siegerehrung in festlichem
Rahmen. Jeder einzelne wird aufgerufen und erhält sein Präsent, eine
wertvolle Sporttasche. Anschliessend noch einmal Schwitzen, denn jede
ausländische Mannschaft trägt ein Lied in ihrer Muttersprache vor. Wir haben
das Lied von den Affen, die durch den Wald rasen, improvisiert. Passt
irgendwie zu uns verrückten Waldläufern.... Nach dem tosenden Applaus geht
es ans üppige Büffet. Jetzt darf man zulangen, der Rotwein fliesst in Strömen,
und getanzt wird bis morgens um drei. Auf einmal ist man wieder fit. Eine
Nacht im Kreise der internationalen Läuferfamilie: magnifique, formidable,
extraordinaire ... unvergesslich!

Am nächsten Morgen Aufbruchsstimmung. Der Abschied von den netten Gastgebern
fällt schwer. Noch mal vier Küsschen, einen Kasten Cidre ins Gepäck - und auf
geht's. Man sieht sich im Herbst beim Rübenlauf in Hiddestorf!
 

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