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Berlin Marathon

Ein laufender Tischtennisspieler bei seinem ersten Marathon
oder

Berlin ist immer eine Reise wert

 Es ist 4.00 Uhr morgens. Ich bin gerade aufgewacht – vor Aufregung. Wir (meine Eltern und ich) sind bei Lauf-Freunden in Berlin und in Erwartung meines ersten Marathonstarts bin ich sehr angespannt. Es ist der 26.09.2004. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?

 1985 fing ich mit dem Laufen an. Und Schuld daran war meine „Hauptsportart“ Tischtennis. Ich wollte zur Tunhalle zum TT-Training und war mal wieder sehr spät dran, sodass ich laufen musste. Ich schaffte es aber nicht die 200 – 300 Meter von unserer HaustĂĽr bis zur Turnhalle durchzulaufen. Und das bei der Familien-Tradition: Meine Mama hatte sich dem Laufen verschrieben, mein Papa hatte bereits mehrere Marathons hinter sich gebracht und auch mein Bruder konnte 10 Kilometer am StĂĽck laufen (zu der Zeit unvorstellbar fĂĽr mich). Ich war als SchĂĽler bei dem einen oder anderen Volkslauf auch schon mal 600 oder 800 Meter gelaufen, das war es aber. Und jetzt? Da war klar, es musste was passieren. Also habe ich mir am Sonntag darauf die Turnschuhe geschnĂĽrt und bin mit meinen Eltern mitgelaufen. Auf Anhieb bin ich tatsächlich ca. 8 km durchgelaufen – und war hinterher völlig fertig. Aber es war der Beginn meiner „Laufkarriere“. In der Folge schaffte ich es innerhalb eines Jahres auf eine maximale Strecke von 25 Kilometern („25 km de Berlin“). Längere Strecken waren mir aber zu langweilig so dass ich mich auf die 10-Kilometer-Strecke einpendelte.

 Ich beruhige mich: Kein Problem, dass du so frĂĽh aufgewacht bist. SchlieĂźlich bist du gestern nicht sonderlich spät ins Bett gegangen und es ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn dein Kreislauf schon mal langsam anfängt zu arbeiten. Den Wecker hatte ich auf 5.30 Uhr gestellt um dann vielleicht noch eine Viertelstunde liegen zu bleiben. Dazu fehlt mir aber nun endgĂĽltig die Ruhe. Um 5.29 Uhr bin ich aus dem Bett und im Badezimmer. ZurĂĽck im Zimmer und Laufsachen anziehen, da höre ich auch schon, dass Mama und unsere Gastgeberin ebenfalls bereits auf sind und mir mein FrĂĽhstĂĽck hinstellen. GlĂĽcklicherweise habe ich – auch wenn ich aufgeregt bin – keine Probleme etwas zu essen. Es wäre fatal mit leerem Magen einen Marathon anzugehen.

 Anfang der 90er wurde das Laufen vom Tischtennis noch deutlicher in der Hintergrund gedrängt, ohne dass ich allerdings komplett aufhörte. Aber erst kurz vor der Jahrtausendwende wurde ich wieder aktiver. Angestachelt von Freunden wagte ich dann 1999 einen 30-Kilometer-Trainingstest. Sollte der gelingen wollte ich meinen ersten Marathon in Angriff nehmen. Nach 15 Kilometern ging es mir hervorragend. Nach 20 Kilometern dachte ich dann (leicht arrogant): „Gott sei dank merke ich jetzt endlich etwas von der Belastung, ich dachte schon ich bin nicht von dieser Welt“. Nach 25 Kilometern war dann aber Feierabend. Mir tat alles weh, mir war schlecht, ich konnte einfach nicht mehr. Ich bin dann noch die fĂĽnf Kilometer nach Hause gelaufen oder besser gesagt gekrochen (ich musste ja irgendwie nach hause kommen), bin in die Badewanne gegangen (wo ich dann fast nicht mehr rausgekommen wäre) und hatte das Thema Marathon erst mal ad akta gelegt.

 

6.45 Uhr es wird Zeit. Noch mal ins Bad einem menschlichen Bedürfnis nachgehen und mit Kleiderbeutel ab zur S-Bahn. Auf dem Weg dorthin treffe ich bereits Gleichgesinnte. Vier Holländer, die eine Zeit von rund drei Stunden anstreben – Wahnsinn. Ich möchte einfach nur ankommen und wenn möglich halbwegs lächelnd durchs Ziel laufen. In der S-Bahn 99% Marathonis (kein Wunder um diese Zeit). In einem riesigen Strom geht es zur Kleiderbeutelabgabe zwischen dem Kanzleramt und dem Reichstagsgebäude. Unglaublich, wie viele Leute so verrückt sind und einen Marathon laufen. Nach dem Dixi-Gang, Kleiderbeutelabgabe und dann zum vereinbarten Treffpunkt mit Jürgen Haß vom Lauftreff Hiddestorf.

 

Nachdem ich mich in den folgenden Jahren von meinen Freunden „beschimpfen“ lassen musste (50-Kilo-Mann, du bist der einzige von uns, der die richtige Marathon-Figur hat) habe ich mich dann im April diesen Jahres entschlossen meinen ersten Marathon anzugehen. Ich war im Winter ein wenig gelaufen, hatte in Celle die 20 Kilometer in ordentlichen 1:43 Std. hinter mich gebracht und war weiter im Training fĂĽr den Hannover-Halbmarathon. Die Voraussetzungen waren also gut. FĂĽr meinen ersten Marathon gab es nur zwei mögliche Strecken: Hannover, da ich ja nun mal in der Region Hannover wohne, oder Berlin. In Berlin hatte ich meinen ersten echten „Langlauf“ unter die Laufschuhe genommen (25 km de Berlin im Mai 1986 siehe oben), dort hatte meine Mama Ihren Marathon absolviert und schlieĂźlich gab die deutlich höhere Zahl der Mitläufer und Zuschauer den Ausschlag fĂĽr die Bundeshauptstadt.

 Es ist 8.20 Uhr – noch 40 Minuten bis zum Start. Die Hiddestorfer sind nicht zu sehen, schade, aber nicht so schlimm. Ich hatte ja sowieso ursprĂĽnglich geplant alleine zu laufen. Also ab in Richtung Startaufstellung. Die Aufwärmgymnastik, die von zwei BĂĽhnen inmitten der Läuferschar angeboten wird ist ganz gut – insbesondere wegen der Ablenkung, die ich gut gebrauchen kann. Kurz ein paar Worte mit drei Schweizerinnen vor mir gewechselt (die eine ist erfahrene Marathonin: Zielzeit unter 4 Stunden, die zweite eine Widerholungstäterin und die dritte hat genau wie ich ihre Premiere). Noch 15 Minuten.

 Nachdem ich mir einen Trainingsplan aus dem Internet besorgt hatte, ging im Juli das konzentrierte Marathon-Training los: Viermal die Woche (schaffe ich es wirklich, mich viermal die Woche aufzuraffen) Laufschuhe anziehen und wahlweise durch den Deister, Fahrradwege in der Gemeinde, den Maschsee, die Eilenriede oder was weiĂź ich fĂĽr Strecken ablaufen. Alleine oder mit Jens, Jens, Tanja, Dietmar oder den Lauftrefflern vom SV Eintracht Hiddestorf. Dann kamen die ersten langen Einheiten. Mit Fahrradbegleitung durch meine Eltern, Wasser und einer Banane ging es 25 Kilometer Richtung Barsinghausen – kein Problem. Ăśber 30 Kilometer folgte dann drei Wochen vor dem Marathon der letzte echte Härtetest ĂĽber 35 Kilometer. Aber auch den habe ich hervorragend (in 3:23 Min.) gemeistert. DafĂĽr kam jetzt langsam die Aufregung dazu und dass GefĂĽhl, dass es ĂĽberall zwickt oder weht tut. Hält meine Wade? Dieses stechen im FuĂź habe ich doch noch nie gehabt; oh sch... ich glaube ich kriege eine Erkältung. Und die Erkältung – oder besser gesagt der Schnupfen – war tatsächlich echt. GlĂĽcklicherweise hatte ich in dieser Zeit Urlaub und konnte mich schonen. DafĂĽr wieder negative Gedanken: “Werde ich den Schnupfen bis Berlin wieder los, wie wirkt sich das durch den Schnupfen reduzierte Training auf den Marathon aus?“ Mit diesen GefĂĽhlen ging es dann am Freitag, den 24.09. nach Berlin. Ankommen, Startnummer auf dem Messegelände abholen und Marathon-Luft schnuppern. Am Samstag schlieĂźlich Start-/Zielbereich ansehen, damit ich mich am Sonntag zurecht finde und die Gedanken auf den Marathon fokussieren.

 Und dann ist es 9.00 Uhr. Aber kein Startschuss zu hören. Wir sind offensichtlich zu weit weg von der Startlinie. Um 9.15 Uhr setzt sich das Feld dann langsam in Bewegung und um 9.19 Uhr gehe auch ich ĂĽber die Startlinie: Mein erster Marathon beginnt. Nach Exakt 4 Stunden, 7 Minuten und 50 Sekunden ĂĽberquere ich als 16.254. von 28.033 Finishern (gestartet waren 28.763 Läuferinnen und Läufer) die Ziellinie. Geschafft!!! Ich bin glĂĽcklich. Der nächste Marathon kann kommen.

 Dirk Jankowsky

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